Social Media News: Eine Revolution sucht ihre Kinder

Wenn einem aus der so genannten „Informationselite“ ein offensichtliches Zuviel an Euphorie für onlinebasierte Services und ihren (vermeintlichen) Nutzen für den Journalismus begegnet, ist es meist sinnvoll, sich einmal anzusehen, was eigentlich das einfache „Newsvolk“ von all den Hypes hält. So insbesondere beim Thema Nachrichtennutzung via Social Media, das vielfach auch im Fokus dieses Blogs steht – sei es im Rahmen einer Befragung, einer Analyse des Social-Media-Engagements verschiedener Printmedien oder einer kognitionspsychologisch basierten Untersuchung „erfolgreicher“ Facebook-Posts.

Bei all diesen kleinen Studien ist zum einen deutlich geworden, dass längst nicht alle Möglichkeiten, die Social Media wie insbesondere Facebook und Twitter für den Journalismus bieten, in den Redaktionen erkannt und nutzwertig umgesetzt werden. Zum anderen hat sich gezeigt, dass der gewöhnliche Nachrichtenkonsument bislang in der Mehrzahl eher skeptisch ist – wenngleich mögliche Mehrwerte inzwischen vermehrt entdeckt werden. Insgesamt jedoch hat durch den Einsatz von Social Media noch keine Revolution hinsichtlich der Distribution und Rezeption journalistischer Inhalte stattgefunden.

Zu diesem Ergebnis kommt aktuell auch ein Paper von John Wihbey am Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy an der Harvard Kennedy School. Der Studie zufolge ist – rund zehn Jahre nach dem Start von Facebook – durch die Etablierung von Social Media inzwischen ein mediales Hybrid-System entstanden, das von vielgestaltiger Nutzungsweisen geprägt ist.

Grundlage des Shorenstein-Papers sind zum einen Daten-Auswertungen von US-Medien wie dem National Public Radio (NPR), dem Boston Globe und dem Wall Street Journal. Zum anderen basiert das Paper auf einer Sekundäranalyse von Forschungsergebnissen verschiedener Universitäten und Unternehmen wie Microsoft oder Facebook sowie einer Befragung am Pew Research Center. Zudem hat Autor Wihbey Interviews mit Netzexperten wie Clay Shirky geführt. Herausgekommen ist – wie ich finde – eine umfassende Zustandsbeschreibung sowie eine aufschlussreiche Makro-Analyse des (US-amerikanischen) Social-Media-News-Markts. Hier einige Ergebnisse des Papers:

  • Während Social Media zwar insgesamt eine immer größere Bedeutung als Nachrichtenquelle zukommt, dominieren auf diesem Feld weiterhin die klassischen Informationsmedien.
  • Die Art der Nachrichtennutzung einer Informationselite oder von Heavy Usern des World Wide Web steht nicht exemplarisch für die Mehrheit der (Online-) Nachrichtenkonsumenten. Letztere surfen, um ihre Informationsbedürfnisse im Netz zu befriedigen, meist zu den gewohnten ein bis zwei Newssites.
  • Auch wenn sich die Nachrichtenproduktion und -nutzung demokratisiert haben (Bottom-up-Kommunikation) – die dominierende Art der Nachrichtendistribution an große Publika hat sich nicht verändert. Sie obliegt weiterhin den klassischen Medien. Diese sind noch immer unschlagbar bei der Generierung öffentlicher Aufmerksamkeit für Nachrichten und Informationen.
  • Die meisten Nachrichten verbreiten sich nicht „viral“. Eine Studie der Stanford Universität und von Microsoft Research zeigt, dass vermittels Social Media geteilte Inhalte insgesamt weniger Menschen erreichen als Inhalte, die von klassischen Informationsmedien kommuniziert werden. Und sollte doch einmal der umgekehrte Fall eintreten, dann sind diese Domino-Effekte im Netz nur von kurzer Dauer und nicht besonders tief gehend. Originär virale Events – inklusive großer Wellenbewegungen von bottom-up-geleitetem Peer-to-Peer-Sharing – sind extrem selten. Sie stünden im Verhältnis von eins zu einer Million geteilten Online-Inhalten – einschließlich Nachrichten. Erreichen Inhalte eine kritische Masse an Rezipienten, gehen diese Inhalte fast immer auf ein großes, etabliertes und klassisches One-to-Many-Medium wie die Zeitung zurück.
  • Grundsätzlich beobachten Nachrichtenmedien zwar ein signifikantes Teil- und Peer-to-peer-Verhalten rund um ihre Inhalte. Der Intensitätsgrad jedoch variiert teils erheblich. Letztlich resultiere selbst bei einem im Digital-Bereich erfolgreichen Medienunternehmen wie dem US-amerikanischen NPR nur einer von fünf Online-Nutzern von NPR.org aus einem Viral- oder Peer-to-Peer-Ereignis.
  • Wenig verlässlich zu prognostizieren ist für Medienhäuser, welche Inhalte in sozialen Medien gut „laufen“ werden und Traffic auf die Website bringen. Zu divers sind die Rezeptionsvorlieben ihrer Publika in sozialen Medien.
  • Es besteht längst noch keine Einigkeit unter Medienwissenschaftlern und Medienpraktikern, wann und mit welcher Motivation Nutzer Inhalte teilen, oder wie sich eine stärkere Bindung und Nutzungsintensität fördern ließe.
  • Eine Offline-Beziehung mit anderen Menschen – also: der Umgang mit Freunden und Familie in der wirklichen Welt („strong ties“) – könnte womöglich einen viel größeren Einfluss auf die Online-Welt respektive auf das Verhalten in und den Umgang mit Nachrichten in den sozialen Medien haben als bislang angenommen. Ob und wie Informationen konsumiert, geteilt und aufgenommen werden und welche Handlungen daraus resultieren, könnte also neben Online-Beziehungen zu ausschließlichen Facebook-Freunden oder Followern bei Twitter („weak ties“) stark vom real existierenden Umfeld in der Offline-Welt abhängen. Hier ist die Forschung jedoch noch ganz am Anfang.

Das Shorenstein-Paper macht insgesamt deutlich: Vielfach steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang, wenn es darum geht, herauszufinden, wie Nachrichten über Social Media distributiert werden – und wie Rezipienten diese dann wahrnehmen und konsumieren: „Whether the information ecosystem will tip toward more gatekeepers or grassroots in terms of agenda-setting is a largely abstract question – perhaps the networked media world is now too big and diverse to expect a single answer, an it will vary from issue to issue, story to story.“

Literatur:

Benkler, Y.; Roberts, H.; Faris, R.; Solow-Niederman, A.; Etling, B.(2013): Social Mobilization and the Networked Public Sphere: Mapping the SOPA-PIPA Debate (July 19, 2013). Berkman Center Research Publication No. 2013-16. Online abrufbar: http://ssrn.com/abstract=2295953 29.12.2014.

Graeff, E.; Stempeck, M.; Zuckerman, E. (2014): The battle for ‘Trayvon Martin’: Mapping a media controversy online and off–line. First Monday, Volume 19, Number 2 – 3 February 2014. Online abrufbar: http://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/view/4947/3821 29.12.2014.

Journalist’s Resource (2014):  How much has our media ecosystem really been democratized?: The research so far on viral effects, social media and news. Online abrufbar: http://journalistsresource.org/studies/society/social-media/how-much-has-media-ecosystem-been-democratized-research-far-viral-effects-social-media-news 29.12.2014.

Wihbey, John (2014): The Challenges of Democratizing News and Information: Examining Data on Social Media, Viral Patterns and Digital Influence. Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy Discussion Paper Series #D-85. Online abrufbar: http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2466058 29.12.2014.