Social Media News: Eine Revolution sucht ihre Kinder

Wenn einem aus der so genannten „Informationselite“ ein offensichtliches Zuviel an Euphorie für onlinebasierte Services und ihren (vermeintlichen) Nutzen für den Journalismus begegnet, ist es meist sinnvoll, sich einmal anzusehen, was eigentlich das einfache „Newsvolk“ von all den Hypes hält. So insbesondere beim Thema Nachrichtennutzung via Social Media, das vielfach auch im Fokus dieses Blogs steht – sei es im Rahmen einer Befragung, einer Analyse des Social-Media-Engagements verschiedener Printmedien oder einer kognitionspsychologisch basierten Untersuchung „erfolgreicher“ Facebook-Posts.

Bei all diesen kleinen Studien ist zum einen deutlich geworden, dass längst nicht alle Möglichkeiten, die Social Media wie insbesondere Facebook und Twitter für den Journalismus bieten, in den Redaktionen erkannt und nutzwertig umgesetzt werden. Zum anderen hat sich gezeigt, dass der gewöhnliche Nachrichtenkonsument bislang in der Mehrzahl eher skeptisch ist – wenngleich mögliche Mehrwerte inzwischen vermehrt entdeckt werden. Insgesamt jedoch hat durch den Einsatz von Social Media noch keine Revolution hinsichtlich der Distribution und Rezeption journalistischer Inhalte stattgefunden.

Zu diesem Ergebnis kommt aktuell auch ein Paper von John Wihbey am Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy an der Harvard Kennedy School. Der Studie zufolge ist – rund zehn Jahre nach dem Start von Facebook – durch die Etablierung von Social Media inzwischen ein mediales Hybrid-System entstanden, das von vielgestaltiger Nutzungsweisen geprägt ist.

Grundlage des Shorenstein-Papers sind zum einen Daten-Auswertungen von US-Medien wie dem National Public Radio (NPR), dem Boston Globe und dem Wall Street Journal. Zum anderen basiert das Paper auf einer Sekundäranalyse von Forschungsergebnissen verschiedener Universitäten und Unternehmen wie Microsoft oder Facebook sowie einer Befragung am Pew Research Center. Zudem hat Autor Wihbey Interviews mit Netzexperten wie Clay Shirky geführt. Herausgekommen ist – wie ich finde – eine umfassende Zustandsbeschreibung sowie eine aufschlussreiche Makro-Analyse des (US-amerikanischen) Social-Media-News-Markts. Hier einige Ergebnisse des Papers:

  • Während Social Media zwar insgesamt eine immer größere Bedeutung als Nachrichtenquelle zukommt, dominieren auf diesem Feld weiterhin die klassischen Informationsmedien.
  • Die Art der Nachrichtennutzung einer Informationselite oder von Heavy Usern des World Wide Web steht nicht exemplarisch für die Mehrheit der (Online-) Nachrichtenkonsumenten. Letztere surfen, um ihre Informationsbedürfnisse im Netz zu befriedigen, meist zu den gewohnten ein bis zwei Newssites.
  • Auch wenn sich die Nachrichtenproduktion und -nutzung demokratisiert haben (Bottom-up-Kommunikation) – die dominierende Art der Nachrichtendistribution an große Publika hat sich nicht verändert. Sie obliegt weiterhin den klassischen Medien. Diese sind noch immer unschlagbar bei der Generierung öffentlicher Aufmerksamkeit für Nachrichten und Informationen.
  • Die meisten Nachrichten verbreiten sich nicht „viral“. Eine Studie der Stanford Universität und von Microsoft Research zeigt, dass vermittels Social Media geteilte Inhalte insgesamt weniger Menschen erreichen als Inhalte, die von klassischen Informationsmedien kommuniziert werden. Und sollte doch einmal der umgekehrte Fall eintreten, dann sind diese Domino-Effekte im Netz nur von kurzer Dauer und nicht besonders tief gehend. Originär virale Events – inklusive großer Wellenbewegungen von bottom-up-geleitetem Peer-to-Peer-Sharing – sind extrem selten. Sie stünden im Verhältnis von eins zu einer Million geteilten Online-Inhalten – einschließlich Nachrichten. Erreichen Inhalte eine kritische Masse an Rezipienten, gehen diese Inhalte fast immer auf ein großes, etabliertes und klassisches One-to-Many-Medium wie die Zeitung zurück.
  • Grundsätzlich beobachten Nachrichtenmedien zwar ein signifikantes Teil- und Peer-to-peer-Verhalten rund um ihre Inhalte. Der Intensitätsgrad jedoch variiert teils erheblich. Letztlich resultiere selbst bei einem im Digital-Bereich erfolgreichen Medienunternehmen wie dem US-amerikanischen NPR nur einer von fünf Online-Nutzern von NPR.org aus einem Viral- oder Peer-to-Peer-Ereignis.
  • Wenig verlässlich zu prognostizieren ist für Medienhäuser, welche Inhalte in sozialen Medien gut „laufen“ werden und Traffic auf die Website bringen. Zu divers sind die Rezeptionsvorlieben ihrer Publika in sozialen Medien.
  • Es besteht längst noch keine Einigkeit unter Medienwissenschaftlern und Medienpraktikern, wann und mit welcher Motivation Nutzer Inhalte teilen, oder wie sich eine stärkere Bindung und Nutzungsintensität fördern ließe.
  • Eine Offline-Beziehung mit anderen Menschen – also: der Umgang mit Freunden und Familie in der wirklichen Welt („strong ties“) – könnte womöglich einen viel größeren Einfluss auf die Online-Welt respektive auf das Verhalten in und den Umgang mit Nachrichten in den sozialen Medien haben als bislang angenommen. Ob und wie Informationen konsumiert, geteilt und aufgenommen werden und welche Handlungen daraus resultieren, könnte also neben Online-Beziehungen zu ausschließlichen Facebook-Freunden oder Followern bei Twitter („weak ties“) stark vom real existierenden Umfeld in der Offline-Welt abhängen. Hier ist die Forschung jedoch noch ganz am Anfang.

Das Shorenstein-Paper macht insgesamt deutlich: Vielfach steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang, wenn es darum geht, herauszufinden, wie Nachrichten über Social Media distributiert werden – und wie Rezipienten diese dann wahrnehmen und konsumieren: „Whether the information ecosystem will tip toward more gatekeepers or grassroots in terms of agenda-setting is a largely abstract question – perhaps the networked media world is now too big and diverse to expect a single answer, an it will vary from issue to issue, story to story.“

Literatur:

Benkler, Y.; Roberts, H.; Faris, R.; Solow-Niederman, A.; Etling, B.(2013): Social Mobilization and the Networked Public Sphere: Mapping the SOPA-PIPA Debate (July 19, 2013). Berkman Center Research Publication No. 2013-16. Online abrufbar: http://ssrn.com/abstract=2295953 29.12.2014.

Graeff, E.; Stempeck, M.; Zuckerman, E. (2014): The battle for ‘Trayvon Martin’: Mapping a media controversy online and off–line. First Monday, Volume 19, Number 2 – 3 February 2014. Online abrufbar: http://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/view/4947/3821 29.12.2014.

Journalist’s Resource (2014):  How much has our media ecosystem really been democratized?: The research so far on viral effects, social media and news. Online abrufbar: http://journalistsresource.org/studies/society/social-media/how-much-has-media-ecosystem-been-democratized-research-far-viral-effects-social-media-news 29.12.2014.

Wihbey, John (2014): The Challenges of Democratizing News and Information: Examining Data on Social Media, Viral Patterns and Digital Influence. Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy Discussion Paper Series #D-85. Online abrufbar: http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2466058 29.12.2014.


Das Pep-Prinzip: Ergebnisse einer Befragung zur News-Nutzung via Social Media

Social Media – wie insbesondere Facebook und Twitter – sind unzweifelhaft wichtige Kanäle für Informationsmedien, um Traffic für ihre Website zu generieren und mit ihrer Marke im Social Web präsent zu sein. Dass ihnen dies gelingt, beweisen Traffic-Zahlen immer wieder. Aber frei nach Bayern-Coach Pep Guardiola: Es ist längst nicht optimal, es geht besser! Die “Verkehrsbilanz” könnte besser ausfallen.

Dass der Traffic, der “Verkehr”, um im Bild zu bleiben, noch nicht flüssig fließt, das zeigt eine Online-Befragung zur News-Nutzung via Social Media, die ich im vergangenen Monat durchgeführt habe, und deren Ergebnisse ich nun präsentieren kann. Die Befragung fand statt vom 28. Oktober bis zum 23. November 2014 und wurde erstellt mit dem Online-Fragebogensystem von maQ-online.de. Die Befragten wurden gewonnen über diesen Blog, über Facebook-, Twitter- und E-Mail-Aufrufe. Die Teilnehmerzahl beträgt N=12. Weil die Befragten über Internet-Medien gewonnen wurden, sind die Teilnehmer als „onlineaffin“ zu kategorisieren. In diesem Zusammenhang entsteht dadurch jedoch kein Bias, da Digital Natives und Digital Immigrants die Zielgruppe der abgefragten Printmedien im Netz sind. Digital Aliens sind nicht relevant.

Facebook-Posts und Tweets von Süddeutscher Zeitung, Faz, Bild etc. nutzen die meisten Befragten im Mittel zumindest manchmal, um Nachrichten über Social Media zu konsumieren. Dabei tauchen Posts der Faz in keiner Facebook-Timeline der Befragten auf, meistens ist es die Bild (7) gefolgt von der SZ (4). Postings einer Regionalzeitung werden einem Befragten angezeigt. Die Bereitschaft, auf ein Facebook-Posting zu klicken, um den gesamten Beitrag zu lesen, ist insgesamt durchaus vorhanden – die meisten geben an, dies oft oder zumindest manchmal (7) zu tun. Meist sind es dann wiederum Postings der Bild (5), die hinreichend Interesse hervorrufen. Logisch also, dass vor allem People-, Gesellschafts- und Boulevard-Geschichten (8) rezipiert werden, Politik-, Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur interessieren kaum (1).

Grundsätzlich entscheiden die meisten Befragten von Fall zu Fall (4), ob sie ein Posting bzw. den verlinkten Beitrag ganz lesen. Ob ein Text gut geschrieben ist, ob er auf einer ganz persönlichen Ebene relevant oder einfach nur lustig ist, spielt kaum eine Rolle bei der bewussten Rezeptionsentscheidung. Ein gutes Bild innerhalb eines Postings jedoch schon (3).

Im Gegensatz zu Facebook wird Twitter eindeutig – und nahezu im klassischen Sinn – als reines Nachrichten-Medium genutzt. Die Mehrheit (8) nutzt den Microblogging-Dienst sehr häufig, um News zu konsumieren. Kaum eindeutig zu beantworten ist jedoch die Frage nach der Bereitschaft, auch auf Links aus einem Tweet heraus zu klicken, um auf einen umfassenden Bericht zu gelangen. Sechs Befragte tun dies oft oder zumindest manchmal, drei machen dies nie, ebenso viele machen dazu keine Angabe.

Gefordert sind Medien vor allem hinsichtlich der Gestaltung ihrer Tweets. Die meisten Personen (6) geben an, dass dabei keines der abgefragten Medien eine richtig gute Figur abgibt. Vier Personen machen hierzu keine Angabe.

Die Online-Befragung – die natürlich aufgrund ihrer Teilnehmerzahl keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erhebt, jedoch auf Trends hindeuten kann – zeigt es: Das Interesse daran, News über Social Media zu rezipieren ist vorhanden. Zudem signalisieren die User, dass sie vor allem auf Facebook eher eine populäre und boulevardeske Themenauswahl und -aufbereitung wünschen. Das ist auf den ersten Blick Salz in die Wunde eines jeden Hardcore-Politik-, Wirtschafts-, oder Kulturredakteurs. Aber es zeigt sich, dass die Social-Reader eher Soft-News wünschen. Das ist eigentlich auch nicht weiter verwunderlich: Wer möchte schon inmitten der tendenziell eher positiven Posts seiner Freunde von Terroranschlägen lesen? Facebook ist ein People-Medium. Dementsprechend sollten News-Medien ihre für Facebook bestimmten Nachrichten selektieren und präsentieren.

Daneben lassen sich die Ergebnisse der Befragung so interpretieren, dass Facebook als Pull-Medium verstanden und genutzt wird, da die Befragten durchaus bereit sind, aus einem Facebook-Posting heraus einen umfassenden Text zu rezipieren. Facebook-Nutzer sind Interaktion gewöhnt, in der Regel konsumieren sie nicht nur, sondern gehen gerne auch einen Schritt weiter (in diesem Fall: einen Klick weiter), um sich mit anderen Inhalten auseinanderzusetzen, diese dann möglichweise zu liken, weiter zu teilen oder zu kommentieren. Auch in dieser Hinsicht können Newsmedien ihre Facebook-Performance verbessern: indem sie öfter darauf setzen, Inhalte zu bringen, die auf Social Performance ausgelegt sind.

Im Gegensatz zu Facebook wird Twitter vor allem als Push-Medium verstanden, Interaktion ist weniger eine Nutzungsmotivation. Die Bereitschaft, vom Tweet aus weiterzuklicken auf einen umfassenden Beitrag, ist, wie deutlich wurde, kaum ausgeprägt. Dies mag auch daran liegen, dass Twitter vor allem auf dem Smartphone genutzt wird. Wenn verlinkte Websites sich dann im Browser öffnen, ist die Darstellung oft zu klein und die Usability zu gering, als dass ein User noch groß Lust hätte, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen.

Wohl auch deshalb sind die Befragten der Meinung, dass kein Medium auf Twitter hinsichtlich der Tweet-Gestaltung wirklich glänzt. Dementsprechend sollten Newsmedien ihre Tweets nicht so sehr als Teaser aufbereiten, der sondern tatsächlich als „Newsflash“. Nachrichten-Tweets sollten sich nicht auf ein Neugierig-Machen konzentrieren, das den Rezipienten ahnungslos zurücklässt. Vielmehr sollte ein Nachrichtenkern transportiert werden, der schnell informiert. Dahingehend ist Twitter vielleicht nicht in erster Linie als Traffic-Generator zu verstehen, sondern als Garantie-Versprechen, dass der User durch „sein“ Medium seriös und verlässlich informiert wird. Dies zahlt letztlich mehr auf die Marke ein als ein schneller Klick.


Umfrage: So nutzen wir Social Media

Wer ab und an mal meinen Blog besucht hat, der hat bestimmt schon festgestellt, dass mich das Thema “Nachrichten und Social Media” populärwissenschaftlich beschäftigt – sei es, indem ich das Engagement der Printmedien beleuchtet habe, oder im Rahmen einer kleinen qualitativen Analyse dazu, was “erfolgreiche” Facebook-Posts von News-Medien ausmacht.

Jetzt möchte ich gerne das User-Rezeptionsverhalten genauer erfassen und habe dazu einen kleinen Fragebogen gebastelt. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich zwei Minuten nehmen und ein paar Fragen beantworten. Die Online-Befragung läuft bis zum 23.11.2014.

Hier geht es zum Fragebogen.

Die Ergebnisse präsentiere ich dann natürlich hier im Blog. Bin schon sehr gespannt.

Vielen Dank fürs Mitmachen!


Zum Zustand des Medienjournalismus – eine Selbstvergewisserung

„Mehr Seriosität, bitte!“ – das fordert der junge Kollege Christian Schweppe mit Blick auf die Medien-Branchendienste Meedia, DWDL.de und turi2 in einem Gastbeitrag für die Branchen-Website LousyPennies. Eine medienjournalistische Kritik am Medienjournalismus also – mehr Meta-Ebene geht nicht.

Ich will die von Schweppe genannten Angebote an dieser Stelle nicht bewerten. Nur eines dazu: Die pauschale Kritik an ihnen teile ich nicht. Denn aus meiner Sicht gibt es deutliche Unterschiede zwischen einem News-Aggregator wie turi2 und einem originär journalistischen Dienst wie DWDL.de. Die Kollegen dort leisten seriöse Arbeit, bieten fundierte Recherche und Einordnung.

Den Wert der Kritik von Schweppe sehe ich woanders: Sie bietet Anlass, einmal grundsätzlich über den Zustand des Medienjournalismus und die Arbeit von Medienjournalisten nachzudenken. Für mich essentiell, da ich selbst einer von ihnen bin. Und so sind die folgenden Zeilen eine Art Selbstvergewisserung:

  • Wir Medienjournalisten sind die „Sittenwächter der eigenen Branche“. So bezeichnet uns jedenfalls der Medienwissenschaftler Stephan Weichert. Und darin liegt unser Problem. Wenn wir unseren im Journalismus grundlegenden Aufgaben  – vor allem: Kritik und Kontrolle – nachkommen, kippen wir das Medien-Biotop aus Journalisten und Medienmanagern in Verlagen, TV-Häusern oder Onlinemedien. Aber das ist unsere Aufgabe. Wir Medienjournalisten sollten es uns nicht selbst in diesem Biotop gemütlich machen wollen.
  • Wer die Medienbranche ein bisschen kennt, der weiß, dass Eitelkeit und Geltungsdrang dort alles andere als Fremdwörter sind. Davon können auch wir Medienjournalisten uns nicht freisprechen. Wir sollten aber nicht versuchen, das Maß an Eitelkeit unserer „Berichterstattungsgegenstände“, mithin: der Menschen, die in dieser Branche die maßgebenden Entscheidungsträger sind, erreichen zu wollen. Wir sollten ihre Kritiker sein, nicht ihre Imitate. Wir sollten deshalb nicht in die Popularisierungs- und Boulevardisierungsfalle tappen: Eitle Menschen hauen andere eitle Menschen nur allzu gern und allzu leicht in die Pfanne – nur um sie wenig später wieder zu bauchpinseln. Das Resultat ist nicht seriöse Berichterstattung, sondern Klatsch, der nur die Gossip-Bedürfnisse der Branchenköpfe bedient.
  • Wir Medienjournalisten sind auch keine PR-Sprachrohre für unsere Branche, für die Produzenten von Technik- und Content-Gimmicks. Auch dann nicht, wenn wir diese selbst auch noch so geil finden. Christian Schweppe thematisiert diesen Grenzgang zwischen PR und Journalismus anhand der Berichterstattung über das neue iPhone und den Markteintritt von Netflix. Richtig ist, dass vor allem letzterer eine unglaubliche Inszenierung war. Ein Interviewmarathon des Netflix-Chefs Reed Hastings und eine Feier in der Komischen Oper in Berlin. Ich war übrigens Teil von beidem: sowohl einer der wohl mehr als 60 Journalisten, die Hastings an jenem Tag empfangen hat, als auch Partygast. Deshalb fühle ich mich auch angesprochen, wenn Schweppe auf die DWDL-Kollegen bezogen schreibt: Nach dem langen Werbe-Tag dann die exklusive Netflix-Launch-Party am Abend. DWDL war live dabei, hatte sich „ins Getümmel“ gestürzt. Für uns. Allein: Wer hatte sie eigentlich drum gebeten? Wo blieb die professionelle Distanz?“ 
  • Die Gretchen-Frage im Journalismus also. Nicht nur für uns Medienjournalisten. Natürlich wird jeder von sich erst einmal behaupten, dass er Distanz wahren kann. Ich auch. Gleichzeitig weiß ich aber, dass ich die Gretchenfrage ständig neu beantworten muss. Wie viel Abstand habe ich (noch)? Finde ich das richtige Maß? Muss ich die Distanz neu austarieren? Für mich bedeuten Branchenveranstaltungen wie die Netflix-Party deshalb zweierlei: Zum einen dienen sie der Kontaktpflege, des Informationsaustausches, auch des vertraulichen Gesprächs. Wenn Schweppe fragt, wer uns darum bittet, dorthin zu gehen, kann ich ihm vor diesem Hintergrund guten Gewissens antworten: Letztlich kann der Leser, also Sie, von meinem Besuch dort profitieren. Nämlich dann, wenn ich in Gesprächen Zusammenhänge erläutert bekomme, auf Trends hingewiesen werde etc. Zum anderen sind Branchentreffs wie die Netflix-Party auch eine gute Gelegenheit, seine professionelle Distanz auf die Probe zu stellen.

Nahezu tragisch finde ich am gegenwärtigen Zustand des Medienjournalismus übrigens vor allem, dass er mittlerweile fast nur noch in der Nische stattfindet – gemacht von Experten für Experten. Und das in einer Branche, die sich – so mein Gefühl – mittlerweile immer schneller um sich selbst dreht. Nur: Medienjournalismus sollte im Idealfall ja im Dienste der Gesamtgesellschaft stehen. Ein kritischer Medienjournalismus ist im Zeitalter der allgegenwärtigen digitalen Über-Medialisierung des Alltags der Menschen notwendiger denn je. Doch immer mehr Zeitungen sowie Fernseh- und Radiosender entschließen sich, Medienseiten und Sendeplätze für Medienjournalismus zu streichen. So bleibt dem Medienjournalisten schon fast nichts anderes mehr übrig, als für ein Fachpublikum zu schreiben, das zwangsläufig überwiegend aus Kollegen und Branchenmenschen besteht. Und das ist höchst bedauerlich.

 

Literatur:

Weichert, Stephan (2004): Grenzen des Medienjournalismus. Zwischen Betriebsblindheit und Gesellschaftskritik. Online abrufbar: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k22_WeichertStephanAlexander_2.html


Alles Zwonull? Das Social Media-Engagement von Printmedien

Alle reden davon, wie wichtig Social Media heute für Printmedien sein können. Und es klingt ja auch zunächst mal sehr plausibel: Richtig eingesetzt, wird behauptet, können Facebook, Twitter und Co. dem Medium Zeitung im Idealfall helfen, Reichweite auszubauen. Indem Inhalte geteilt, kommentiert, getwittert werden, multiplizieren sich diese, der Leserkreis wird größer. Jedenfalls der User-Kreis. Denn wie hoch die Schnittmenge von Lesern und Usern ist, kann nur gemutmaßt werden. Wie viele User die Social-Media-Inhalte so attraktiv finden, dass sie (künftig) zum Kiosk laufen oder (bald) ein Abo abschließen – das sei dahin gestellt. Was Social Media – richtig genutzt – aber in jedem Fall können: Sie können auf die Marke einzahlen, sie können diese zeitgemäß und lesernah erscheinen lassen.

Aber: Haben die Verlage die Zeichen der Zeit erkannt? In welchem Maß setzen sie heute auf Social Media?

Dazu habe ich mir einmal das Social-Media-Engagement (Facebook-Auftritt und Twitter-Konto) verschiedener regionaler und überregionaler Titel angesehen. Mit dabei: die Münchener Abendzeitung, die Bild, die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Zeit. Untersuchungstag war Freitag, der 20. Juli 2014.

 

Auflage vs. SM

Was zunächst auffällt: Es scheint eine Korrelation zu geben zwischen der „harten“ Auflage und des Beliebtheitsgrads in den sozialen Netzwerken, möglicherweise gibt es die oben angesprochene Schnittmenge also (wenngleich hier weiter offen bleiben muss, wer tatsächlich zahlender Abonnent/Leser und Social-Media-User ist). Der Befund einer Korrelation gilt hinsichtlich der Wochentitel (s.o.; alle Grafiken durch Klick vergrößerbar). Denn die Zeit mit ihren rund 500 000 Print-Lesern und Abonnenten hat im Verhältnis nur wenige Social Media-Fans Die Bild läuft insgesamt nahezu außer Konkurrenz. Sie hat die höchste Auflage und mit 1,4 Millionen Fans auf Facebook und rund 365 000 Followern bei Twitter.

Von nichts kommt nichts: Hinsichtlich des redaktionellen Engagements schlägt die Bild die Konkurrenz um Längen. Mit dem Boulevard-Blatt kann es in dieser Hinsicht keiner aufnehmen. Insofern sind die Beliebtheitswerte wenig verwunderlich. Die User haben vermutlich  über die Zeit gelernt, dass sowohl auf der Facebook-Seite als auch auf Twitter etwas „passiert“, dass dort mehr Interaktionsangebote seitens des Mediums gemacht werden als anderswo. So hat der nächste Verfolger der Bild, die Süddeutsche Zeitung, weniger als halb soviel gepostet; getwittert wurde immerhin etwas regelmäßiger.

Auf der Facebook-Site der Zeit passiert am Untersuchungstag übrigens: gar nichts. Kein Post. Zählbar sind nur die Tweets, elf an der Zahl, die Volontär Fritz Habekuß unter @diezeit absetzt. Es entsteht der Eindruck, dass sich die Zeit-Redaktion nicht allzu viel aus Social Media macht. Man kann es sich leisten: Der Print-Auflage schadet es jedenfalls nicht.

Facebook-Posts Tweets

Die Abendzeitung als Regionalmedium kann in keiner Hinsicht bei den „Großen“ mitspielen: vier Posts, drei Tweets. Wahrscheinlich ist, dass bei der AZ, anders als bei den anderen Medien, wo sich zumindest ein Redakteur/Volontär – wie bei der Zeit – um Social Media kümmert, niemand speziell (auch) das Social Media-Angebot pflegt. Das ist aber nur eine Vermutung. Daneben haben die AZ-Redakteure durch dem Eigentümerwechsel sicher gerade andere Sorgen.

An dieser Stelle sei kurz darauf hingewiesen, dass ich länger darüber nachgedacht habe, ob eine gewisse Unschärfe in die Stichprobe kommt, weil am Untersuchungstag WM-Spiele im Fernsehen liefen. Eine Vielzahl an Facebook-Posts der Bild beschäftigte sich intensiv mit den Partien, jedes Tor war der Redaktion einen Post und/oder einen Tweet wert. Ich war unschlüssig, ob ich die Fußball-Posts und Tweets deshalb nicht mitzählen sollte, habe mich aber entschieden, dies zu tun. Denn niemand hindert die anderen Redaktionen schließlich daran, selbst die jeweiligen Ergebnisse zu posten oder zu twittern und so User-Aktivität zu generieren.

User Aktivität User Aktivität Bild

Und die war bei der Bild am Untersuchungstag äußerst ausgeprägt. Wie bei den anderen untersuchten Medien auch, überwog dabei die Anzahl der Likes auf Facebook. Likes sind – wie ich in einem anderen Blogtext schon einmal erörtert habe – die schwächste Form der Interaktion seitens der User. Gefolgt wird die Anzahl der Likes – bei der Bild wie bei den anderen Medien auch – von Kommentaren und Shares. Die hohe Anzahl an Kommentaren zeigt: Die Leser werden motiviert und sind auch bereit, sich intensiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Beim Fußball natürlich insbesondere. Aber mit den höchsten Social Buzz erzeugte ein Post, der gar nichts mit Fußball zu hatte, sondern mit „Amerikas heißestem Häftling“, der seitdem durch den Boulevard geistert.

Ich denke, die kleine Stichprobe hier beschreibt den Status Quo in Sachen Social-Media-Engagement ganz gut. Ein Regionaltitel wie die AZ hat – das zeigt auch die  gelegentliche Beobachtung der Facebook- und Twitter-Aktivitäten anderer „kleinerer“ Regionalzeitungen – am meisten Luft nach oben, wenn es an die Generierung von Social Buzz geht, und damit darum, die Reichweite zu erhöhen. Gerade regionalen und lokalen Zeitungen bieten Facebook und Twitter große Chancen: näher an den Lesern kann kein Medium sein, mehr Nähe als über die Social Media lässt sich nur im persönlichen Gespräch herstellen.

Bei den überregionalen Qualitätsblättern SZ und Faz zeigt sich, dass sie aufholen in Sachen Social Media, dass sie die Notwendigkeit erkannt haben und sich intensiver als in der Vergangenheit um Social Buzz bemühen. Noch ist nicht richtig klar, welche Strategie sie dabei verfolgen wollen. Boulevardisierung? Schließlich zeigt sich, dass das Massenblatt Bild auch im Social Web eine Massenattraktion ist. Vielleicht ist Popularisierung und Personalisierung der Inhalte eine Möglichkeit.

 


Wieso, weshalb, warum – die Viralisierung des Printjournalismus

,Keine Fragen in der Überschrift und im Vorspann! Wir wollen den Lesern ja Antworten geben, keine Fragen stellen.‘ So oder so ähnlich hat sich das traditionell wohl jeder Journalist anhören müssen, der in den 80ern, 90ern und auch noch in den Nullerjahren ausgebildet worden ist. Ich kann mich jedenfalls noch gut an diese Regel-Impfung erinnern. Momentan habe ich verstärkt den Eindruck, dass es diese Journalistengeneration, die jetzt die Mehrheit in den Redaktionen stellt, ganz trendy findet, diese grundsätzlich nachvollziehbare Regel durch einen syntaktisch-grammatikalischen Trick aufzulösen. Und der ist offensichtlich gerade derart en vogue, dass es sich lohnt, einmal darüber nachzudenken, ob der Trick nur eine vorübergehende Modeerscheinung ist, oder ob er tatsächlich einen nachhaltigen journalistischen Mehrwert besitzt. Und: Woher kommt der Trend eigentlich?

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des aktuellen Spiegel (Nr. 22/2014) und das des Focus (Nr. 22) zeigt, was gemeint ist. Im Spiegel heißt es etwa:

  • Amerikas Krieg – Warum der D-Day die amerikanische Militärpolitik über Jahre prägte
  • Glücksspiel – Wie Lotto-Könige um ihr Vermögen gebracht wurden
  • Energiewende – Wie sich die Republik durch die geplante Stromtrasse von Nord nach Süd verändert
  • Investoren – Warum Kapital aus Katar bei deutschen Konzernen willkommen ist

Und der Focus formuliert beispielsweise:

  • Richtig versichert? Welche Verträge Sie wirklich brauchen – und auf welche Sie verzichten könnten
  • Neue Masche der Agenten – Wie Moskaus Geheimdienst junge Deutsche in Kampfsportschulen rekrutiert
  • Angst vor der Lücke – Wie Unternehmen die immer knapper werdenden Fachkräfte umgarnen

Der schicke Trick: Statt die direkte Frageform zu wählen (Warum prägte der D-Day die amerikanische Militärpolitik über Jahre? Wie rekrutiert Moskaus Geheimdienst junge Deutsche in Kampfsportschulen?), werden indirekte Fragen formuliert, bei denen Interrogativadverbien wie „wo“, „wann“, „warum“, „weshalb“ oder „wieso“ (W-Fragen) den Satzanfang bilden und die Verben jeweils am Satzende stehen. Syntaktisch und semantisch bezieht sich dabei das Interrogativadverb auf ein vorangestelltes Objekt oder Schlüsselwort. Das ganze funktioniert auch mit So-Konstruktionen wie „Abgezockt – So werden Lotto-Gewinner um ihre Millionen gebracht“ (Einklinker auf der Titelseite des aktuellen Spiegel).  Oder: „Putsch im Paradies – So brutal agiert Thailands Militärjunta“ (Focus). Keine Frageintonation, kein Fragezeichen.

Dass die Anzahl solcher W- und So-Konstruktionen größer geworden ist, ist kein subjektiver Eindruck. Ich bin einmal stichprobenartig im Spiegel-Archiv die Inhaltsverzeichnisse jeweils der Heftnummer 22 der vergangenen fünf Jahre durchgegangen. Natürlich kann man von dieser kleinen Stichprobe nicht aufs große Ganze schließen. Aber: Der Sprach-Trend lässt sich belegen (s. Grafik)

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Sprachpäpstlich kann man diese W- und So-Konstruktionen sicher als Sprachverstümmelung auffassen. Denn ultrakorrekt müsste man indirekte Fragen ja so formulieren: „Wir berichten darüber, wann …“ oder „Wir erklären Ihnen, warum…“ Aber: Sprache lebt – und deshalb würde ich auch nicht auf Ultrakorrekheit bestehen. Problematisch finde ich aber, dass im Printjournalismus solche Konstruktionen mittlerweile äußerst inflationär eingesetzt werden. Die Penetranz nervt. Nicht aber der Beitrag, den diese Konstruktionen – richtig dosiert – in Sachen journalistischer Varianz leisten können. Hier bieten sie einen echten Mehrwert: Anstatt etwa nur nachrichtlich, thesenartig oder kommentierend zu formulieren („Freihandel – Das Abkommen mit den USA wird zum Zankapfel in der Großen Koalition“, Spiegel Nr. 22, S. 7), bringen die W- und So-Konstruktionen Abwechslung und wirken somit vitalisierend.

Bleibt die Frage, woher der Trend kommt. Meine These: aus dem Onlinejournalismus. Überschriften sind dort zum einen wertvolle SEO-Werkzeuge (Search-Engine-Optimization). Google liebt W- und So-Konstruktionen. Folge: Höheres Ranking von Beiträgen, mehr Leser auf der Site. Auch sind die trendigen Konstruktionen wichtige SMO-Instrumente (Social-Media-Optimization). Das zeigen Sites wie Buzzfeed. Sie schaffen es, mit Überschriften wie „Why you should never go to the beach“ weit nach Oben in die Social-Media-Rankings. Texte zu solchen Überschriften werden oft geteilt, kommentiert und über Twitter verbreitet. W- und So-Konstruktionen folgen dabei einem einfachen Prinzip. Sie versprechen dem Leser etwas: nämlich die Antwort auf eine Frage, die man ihm vorgibt. Dadurch – und vielleicht auch durch den Umstand, dass er sich die Frage eventuell auch selbst schon gestellt hat, jedoch bislang nicht beantworten konnte – wird der Leser emotionalisiert. Neugier entsteht. Durch die Adaption des Online-Prinzips findet so etwas wie eine Viralisierung des Printjournalismus statt. Wenn dies – analog zum Leser- bzw. Nutzererfolg von Buzzfeed und Co. – auch zu mehr Printlesern führt, dann ist viel gewonnen.


Schluss mit der Depression! Wie sich der US-Journalismus gerade neu erfindet

Es gibt zwei Möglichkeiten, den gerade erschienenen Report „State of the News Media 2014“ (SoNM) des Pew Research Centers zu lesen: mit immer größeren Sorgenfalten auf der Stirn was die Zukunft des traditionellen (vor allem Print-)Journalismus in den USA anbelangt – oder: mit Optimismus, dass gerade eine nachhaltige Transformation des Journalismus einsetzt, die Erfolg versprechen könnte. Natürlich sind der deutsche und der US-amerikanische Medien-Markt nur bedingt vergleichbar. Viele Trends aber, die aus Übersee kamen und kommen, lassen sich wenig später auch hierzulande beobachten.

Sorge bereitet natürlich, dass die Zeichen weiterhin auf Auflagenverlust und sinkenden Erlösen im Print-Segment stehen. Sorge bereitet auch, dass deshalb erneut tausende Jobs verloren gehen dürften. Weil die Newspaper Association of America inzwischen keine Quartalsberichte mehr zum Anzeigenaufkommen vorlegt, finden sich im SoNM auch noch keine genauen Angaben dazu. Was sich allerdings bereits jetzt schon dazu sagen lässt: Seit 2003 sind die Erlöse bei den Zeitungen dem SoNM zufolge bis 2012 um 52 Prozent zurückgegangen auf 22 Milliarden US-Dollar. Dass sich in der Tendenz daran auch im vergangenen Jahr wenig geändert haben dürfte, darauf deuten die jüngsten Zahlen der Gannett Company hin, Besitzer etlicher Zeitungsverlage und TV-Sender. Gannett, so steht es im SoNM, berichtete zuletzt von einem sechsprozentigem Rückgang bei den Anzeigenerlösen 2013.

Soviel zum weiterhin besorgniserregenden Zustand traditioneller US-Zeitungshäuser. Zuversichtlich – oder vielleicht sogar: optimistisch? –  stimmen dagegen SoNM-Zahlen zu originär digitalen Medienunternehmen, hinter denen kein großer Verlag steht, die also wirtschaftlich auf sich selbst gestellt sind. Der SoNM-Report bezeichnet diese Digital-Startups als Digital-Native-News-Anbieter (DNNA). Dazu gehören Medien wie die Huffington Post, Buzzfeed, First Look Media unter weitere mehr.

Mit Blick auf diese DNNAs spricht der SoNM von einem „siginicant shift in the editorial ecosystem“. Seit Herbst vergangenen Jahres sei es zu einer „dramatic and conspicuous migration of high-profile journalists to digital news ventures“ gekommen. Beispiele: Im Oktober vergangenen Jahres heuern die beiden Ex-New-York-Times-Redakteure David Pogue und Matt Bai bei Yahoo an. Ebenfalls im Oktober 2013 verlässt Jim Roberts die Times und wird Chief Content Officer bei Mashable.

Darüber hinaus geht Ebay-Gründer Pierre Omidyar mit seinem digitalen Start-up First Look Media online. Mit dabei: NSA-Enthüller Glenn Greenwald. Ein neues Investigativ-Team entsteht auch bei Buzzfeed – unter der Leitung des Pulitzer-Prize-Trägers Mark Schoofs. Im Januar 2014 bringt Ezra Klein, Kolumnist und Blogger bei der Washington Post, sein Project X-Projekt bei Vox Media unter. Und im Februar verkündet Bill Keller, Ex-New-York-Times, er heuere bei The Marshall Project an, einem Non-Profit-Unternehmen, das sich auf Strafjustiz-Fälle spezialisiert. Eine hübsche Ansammlung von Journalismus-Prominenz ist das, die dort nach Digitalien zieht. Laut SoNM sind die genannten Digital-Startups die prominentesten Beispiele für diese Entwicklung, es gebe hunderte kleinere solcher Startups.

Man kann dies durchaus als „significant moment in a transforming media landscape“ betrachten. Noch vor gar nicht langer Zeit, hätte man Yahoo als bloßen Suchmaschinen-Konzern beschrieben und Buzzfeed als pures Clickbait-Medium bezeichnet. Das hat sich geändert und wird sich vermutlich weiter ändern. Paul Steiger (Ex-Managing-Editor beim Wall Street Journal) hat jüngst an der Kansas University vor Studenten gesagt, Buzzfeed sei „the kind of team I‘d want to join“ – insofern er jetzt noch einmal eine journalistische Karriere beginnen würde.

Der “State of the News Media 2014”-Report hat nun den Markt dieser neuen digitalen News-Startups genauer untersucht – und kommt unter anderem zu diesen Ergebnissen:

  • Bei einigen der Digital-Native-News-Anbieter (DNNA) ist die Zahl der redaktionellen Mitarbeiter zuletzt sprunghaft angestiegen. Vor allem bei den großen Playern. So habe Buzzfeed vor zwei Jahren nur ein halbes Dutzend Redakteure beschäftigt, jetzt seien es mindestens 170. Neue Startups wie First Look Media, Project X oder FiveThirtyEight hätten allein in den vergangenen Monaten 60 Redakteure eingestellt.
  • Allerdings beschäftigen die meisten der untersuchten 438 Startups nur wenige Mitarbeiter, bei mehr als der Hälfte (241) arbeiten nur drei Vollzeit-Beschäftigte oder weniger. Die meisten Startups arbeiteten auf Non-Profit-Basis und existierten erst wenige Monate.
  • Die meisten der DNNAs besetzen thematische Nischen, füllen Berichterstattungslücken im Lokalen und Investigativen. Mehr als die Hälfte haben einen lokalen oder hyperlokalen Fokus. Vier Dutzend (45) bezeichnen sich als investigativ. Größere DNNAs wie die Recherche-Plattform ProPublica, das Center for Public Integrity und das Center for Investigative Reporting arbeiten mit traditionellen Nachrichtenorganisationen zusammen.
  • Unter den großen DNNAs investieren einige in weltweite Berichterstattung. Der redaktionelle Fokus von dreißig größeren Seiten liegt auf vor allem auf Sport (Bleacher Report), Technik (Re/Code) und Investigativ-Recherchen (ProPublica). Manche General-Interest-Natives expandieren auch weltweit. So ist die Huffington Post mittlerweile in 15 Ländern vertreten, Vice hat 35 Büros weltweit, auch Buzzfeed will expandieren und sucht hierzulande derzeit einen Chefredakteur.
  • Bei den meisten DNNAs arbeiten sowohl traditionelle Journalisten als auch Digital-Experten. Wichtig sei immer, dass die Mitarbeiter Storytelling-Skills mitbringen, Spaß am Geschichten erzählen haben, so der SoNM-Report. Dort, wo traditionelle Journalisten tätig sind, werde Wert auf investigative Arbeit gelegt. Das Investigative News Network schätzt, dass 80 Prozent ihrer Mitarbeiter von traditionellen Medien kommen. Bei Pro Publica sind 25 von 41 Mitarbeitern Journalisten im klassischen Sinn. Allerdings geben viele Chefs von DNNAs auch an, künftig vermehrt jüngere Leute einzustellen „with better digital instincts and skills“.
  • Bei aller Freude über neue Jobs und Expansion, fehlt den meisten DNNAs jedoch ein tragfähiges Geschäftsmodell, so der SoNM-Report. Gründer und Financier von First Look Media, Pierre Omidyar, sagte, solvent sei man frühestens  in fünf Jahren. Die Huffington Post mit seinen 575 Redaktionsmitarbeitern sei bislang nur „flirting with profitability“, wie es Medienanalyst Ken Doctor formuliert.

Dennoch: Insgesamt finde ich, diese Erkenntnisse aus dem SoNM-Report sollten optimistisch stimmen. Der US-Journalismus erfindet sich in den USA gerade neu. Selbst erfahrene, „alte“ Journalistenhasen setzen dort auf neue, digitale Plattformen, gründen gar selbst digitale Startups. Es herrscht Innovationswillen, Innovationsmut, Experimentierlust. Und wer weiß: Vielleicht entdeckt dabei sogar jemand ein tragfähiges, neues Geschäftsmodell…

Literatur:

State of the News Media 2014. Online abrufbar: http://www.journalism.org/packages/state-of-the-news-media-2014/

 

 


Aus SEO mach SMO: Warum leserorientiertes Überschriftentexten wichtiger wird

Vor ein paar Wochen habe ich mich an dieser Stelle damit beschäftigt, wann aus welchen Gründen journalistische Beiträge auf Facebook erfolgreich sind. Als eine zentrale Einflussvariable stellte sich „Emotion“ heraus. In letzter Zeit nun wird der Überschrift im Speziellen wieder viel Aufmerksamkeit zuteil – in Praxis wie in Wissenschaft. Denn die Überschrift nimmt eine neue Evolutionsstufe – und wieder spielt „Emotion“ eine besondere Rolle.

Meine Generation, die Thirty-Somethings, gehören ja mittlerweile schon zum alten Mediennutzereisen. Wir sind Digital Immigrants. Wir sind noch via Holzmedium (für die Natives: die Zeitung!) sozialisiert worden – und haben später, als das Internet über uns kam, miterlebt, wie es sich auch das Formulieren von Überschriften verändert hat bzw. verändern musste. Im Journalistik-Studium wurde mir noch eingetrichtert: Überschriften haben den inhaltlichen Kern wiederzugeben, idealerweise Spannung zu erzeugen, kurz und knapp zu sein, Verben zu enthalten, in der Regel im Präsens formuliert zu sein, damit sie: zum Lesen animieren. In anderen Darstellungsformen und Print-Gattungen galten wieder andere Regeln, die sich aber am nachrichtlichen Texten orientierten und dasselbe Ziel haben sollten: Leseanreize bieten.

Als die ersten onlinejournalistischen Gehversuche gemacht wurden, änderte sich erstmal wenig. Print-Regeln wurde weitgehend eins zu eins auf das neue Medium übertragen. Mit der Bedeutung von Google wurde es dann anders: SEO hieß (und heißt) das Zauberwort. Suchmaschinenoptimierung: Überschriften – und Nachrichtentexte – haben online so formuliert zu sein, dass sie Google gefallen. Spätestens damit technologisierte sich der Journalismus – und Redaktionen unterwerfen sich seitdem dem Diktat eines Algorithmus. Das ist kein Vorwurf, es ist vollkommen nachvollziehbar und legitim. Schließlich kommen bis zu zwei Drittel der Online-User über Google zur Nachrichtenquelle.

Nur: Das Texten für Google und Co. hat einen Haken. Heraus kommen nämlich in der Mehrzahl furchtbar langweilige Überschriften (und oft auch Beiträge). Insbesondere weil sich unter anderem bestimmte Suchwörter und Schlüsselwörter wiederholen müssen. Die redaktionelle Unterwürfigkeit führt zu Verdruss beim Leser. Leseanreize? Nachrangig.

Jetzt ist aktuell der nächste, evolutionäre Schritt beim Texten von Überschriften wieder ein leserorientierter. Die journalistische Perspektive ändert sich. Zum Guten. Denn es wird nicht für eine Suchmaschine geschrieben – sondern, originär journalistisch gedacht, für das Publikum. Das hält sich heute zu großen Teilen in sozialen Netzwerken auf. Mindestens genauso wichtig wie SEO wird damit SMO: Social Media Optimization.

Best-Practice-Beispiel: der US-Newsanbieter Upworthy. Gelauncht im Jahr 2012 kommt der Dienst offenbar mittlerweile auf mehr als 80 Millionen Unique Visitors im Monat. Zum Vergleich: Die New York Times kommt verschiedenen Berichten zufolge auf etwa 30 Millionen. Bei ihren Überschriften setzt Upworthy vor allem auf Emotionalisierung – und damit auf jenen wichtigen Faktor, wenn es darum geht, in sozialen Netzwerken geteilt, geliket oder kommentiert zu werden. Upworthy sagt seinen Lesern, wie sie sich fühlen werden, wenn sie diesen oder jenen Artikel anklicken:

 

Do You Love-Hate The Internet? Get Ready To Hate-Hate The Internet.

 

The Oscars Have A Dirty Little White Secret. Can You Guess What It Is?

 

A Librarian Tried To Have A Genius Little Boy Arrested. The Cops Reacted The Same Way You Would.

 

Turns Out, Happiness Is Sorta Like A Muscle. And Here’s How You Can Exercise It

 

It’s Not A Ghost Or An Alien. It’s Real, And It’s Way Scarier.

 

You Won’t Believe The Effect The Internet’s Having On Your Brain. Actually, You Will.

 

Mit solchen Überschriften erfindet Upworthy nun das Rad nicht neu. Auch zuvor schon war die Verbindung „Nachricht – Emotion“ keine Unbekannte in Praxis wie in Journalismus- bzw. Kommunikationswissenschaft. Diese hat zum Beispiel nachgewiesen, dass unmittelbare Emotionen bei der Nachrichtenrezeption mit “genuinen Bestandteilen von Nachrichten” zusammenhängen, positive Effekte haben und Handlungsdispositionen erklären können (Früh, o.J). Emotionen sind seit jeher wichtige Einflussvariablen, wenn es darum geht, Rezipienten zu gewinnen und zu binden. Dazu muss man sich nur den Aufmacher der Bild jeden Morgen ansehen. Das ist Emotion als Verkaufsargument.

Aber Upworthy – ebenso wie BuzzFeed oder NowThis News – ist anders. Die Macher schreiben für den Leser, bieten Leseanreize, wollen ihr Publikum via Überschrift überzeugen, einen Text zu rezipieren. Der Formulierungsfokus liegt, wenn man so will, auf Viralitätsoptimierung. Facebook, Twitter, Instagram – sie allen bauen auf person-to-person-Kommunikation. Hier setzen Upworthy und Co. an.

Gleichzeitig berücksichtigen sie eine sich wandelnde Mediennutzungssituation: (Journalistische) Inhalte werden in der Regel weniger nicht mehr auf einen vergleichsweise großen stationären PC- oder Laptop-Bildschirm konsumiert, sondern on the go auf kleinen – viel privateren – Smartphone-Screens. Die Rezeption ist auf diese Weise stärker emotionsgesteuert. Der Nebenmann in der U-Bahn sieht schließlich kaum, was rezipiert wird.

Doch bei aller Freude über die Wiederentdeckung leserorientierten Schreibens: Auch SMO hat seine Schattenseiten. SMO-Überschriften informieren in der Regel nicht über das Benennen eines Nachrichtenkerns. Sie haben in erster Linie leicht scanbar zu sein – und sollen den Leser dazu anleiten, über einen Zwischenschritt – nämlich den Klick auf eine Subseite mit dem ausführlichen Inhaltsangebot – ein Informationsziel zu erreichen. Sie werben für einen Inhalt, sie benennen ihn nicht. Das bedeutet: Der Leser muss eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen: Lohnt es sich wirklich, weiterzuklicken? Oder ist der Inhalt vermutlich unnütz? Löst der Inhalt dann nicht ein, was die Emotionalisierung bewirkt hat, sorgt das mindestens für ebenso viel Verdruss wie eine langweilige SEO-Überschrift.

Und nebenbei bemerkt stellt sich bei Upworthy und Co. natürlich die Frage: Handelt es sich bei den SMO-Inhalten wirklich noch um Qualitätsjournalismus im originären Sinne? Doch das ist ein Thema für sich.

Unterm Strich jedenfalls, das lässt sich sagen, können SMO-Überschriften den (Online-)Journalismus bereichern. Dabei werden und sollen sie das SEO-Texten nicht ersetzen – aber ergänzen. Im Sinne einer leserorientierten Attraktivitätssteigerung journalistischer Inhalte.

 

Literatur:

Benton, Joshua (2014): Four headlines that will restore your flagging faith in journalism. Online abrufbar: <http:www.niemanlab.org/2014/02/4-headlines-that-will-restore-your-flagging-faith-in-journalism> Zugriff: 12.3.2014

Früh, H. (o.J.): Emotionalisierung durch Nachrichten. Online abrufbar:<http://www.medientage.de/db_media/mediathek/vortrag/500710/Frueh_Hannah.pdf> Zugriff: 12.3.2014

Früh, H (2011): Emotionalisierung durch Nachrichten: Emotionen und Informationsverarbeitung in der Nachrichtenrezeption. Nomos.

 


Der Stellvertreter-Krieg: Worum es im Fall Lanz wirklich geht

Ich bekenne: Ich habe am Samstagabend „Wetten, dass ..?“ eingeschaltet. Punkt 20.15 Uhr. Weil ich wissen wollte, ob und wie Markus Lanz auf die zumindest medial allerorten diskutierte Online-Petition eingeht. Stand heute fordern mehr als 200.000 Deutsche: „Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag.“

Lanz hat dann was dazu gesagt. Ein zweifacher Ironieversuch ist es geworden: Er habe sich vorgenommen, 2014 etwas ruhiger anzugehen – und mit Blick auf die vergangenen Tage sei ihm das auch sehr gut gelungen, sagte er. Und später setzt er noch mal an und riet dem Saalpublikum in Karlsruhe mit Blick auf die offenbar hohe Zahl an Baustellen in der Stadt, doch eine Onlinepetition dagegen zu starten.

Kann man so machen. Aber muss man das überhaupt machen? Angesichts des Hypes um diese Onlinepetition in der vorigen Woche? Hätte Lanz gar nichts gesagt, wäre ihm das zu seinem Nachteil ausgelegt worden: Schau, der hält es nicht mal nötig, sich zu äußern. Der hat nicht den Mumm, sich zu stellen. So oder so ähnlich wäre der Tenor gewesen. Nun hat er etwas gesagt, eher leise. Aber wäre es besser gewesen, laut zu rufen: Was wollt ihr eigentlich von mir?

Markus Lanz kann nichts mehr richtig machen. Er ist längst mediales Freiwild geworden. Die Massenmedien – vom Boulevard bis zur so genannten Qualitätspresse – haben ihn zum Abschuss freigegeben. Spätestens seit er sich aus der Deckung gewagt und „Wetten, dass ..?“ übernommen hat.  Nach jeder Sendung gibt es einen Wettbewerb darum, wer ihn am schönsten niederschreiben kann.

Ich will Lanz keinesfalls in Schutz nehmen: Er vergurkt die meisten Sendungen auf der großen Samstagabend-Bühne – und auf der kleinen Talkshow-Bühne hat er mit Sarah Wagenknecht ein unsäglich-unprofessionelles Gespräch geführt. Lanz zieht sich Schuhe an, die ihm nicht passen. Er ist kein großer Primetime-Entertainer und kein investigativer Journalist. Dass er aber offenbar der Ansicht ist, diese Rollen ausfüllen zu können, das kann und darf man ihm vorwerfen.

Nur: Was gerade mit ihm passiert, geht weit über die Beurteilung seiner Qualitäten oder Nicht-Qualitäten als Showmaster hinaus. Lanz muss herhalten als Symbol für ein scheinbar aus den (Bildungsbürger-)Fugen geratenes öffentlich-rechtliches Fernsehen. Es ist ein medialer Stellvertreter-Krieg, in dem eine Armee aus anonymen Netz-Wutbürgern 200.000 Klicks abschießt.

Wohl selbst ein wenig überrascht, dass ihre Stimmungsmache nach jeder „Wetten, dass ..?“-Show offenbar gewirkt hat, berichten die Massenmedien nun dankbar über diesen Stellvertreter-Krieg, den sie selbst mit angezettelt haben. Und setzen zum finalen Schuss an. „Muss Lanz jetzt weg?“, fragt die „Bild am Sonntag“ auf der Titelseite. Die Antwort suggeriert sie, indem sie ihren Lesern ein übel riechendes Gebräu anbietet aus einer für Lanz negativen Emnid-Umfrage unter 500 (!) Leuten, der schlechten Quote am Samstagabend und der Zahl jener, die die Online-Petition bereits unterschrieben haben. Schmeckt den Lesern der Trank, wird abgedrückt.


Mehr Haltung, bitte! Wann Journalisten Aktivisten sein dürfen

NSA-Enthüller Glenn Greenwald, der derzeit wohl prominenteste Journalist der Welt, hat am Freitag bei der Hackerkonferenz 30C3 in Hamburg eine Video-Keynote gehalten, die in der Medienwelt für kräftigen Wirbel gesorgt hat. Dabei geht es nicht etwa um neue Erkenntnisse zu den Machenschaften der NSA. Vielmehr geht es um Greenwald selbst. Zeit Online will aus der Keynote herausgehört haben, dass Greenwald mittlerweile nicht mehr nur Journalist sei, sondern auch Aktivist. Greenwalds NSA-Recherchen seien für ihn nicht mehr nur Storys, sie seien mittlerweile „sein Freiheitskampf“:

Ihm geht es nicht nur darum, den Überwachungsskandal aufzudecken, er will eine Bewegung anführen. Er nennt sie ,Pro-Privacy-Allianz‘. ,Sie ist größer und stärker und wächst schneller, als wir alle, die wir Teil davon sind, glauben‘, sagte er (…).“

Darf, kann, soll, muss ein Journalist auch Aktivist sein? Infolge des Textes von Zeit Online entspann sich am Wochenende schließlich eine erstaunlich intensiv geführte Twitter-Diskussion darüber, die der Journalist Steffen Konrath in Teilen in einem Storify bereitgestellt hat. Auch Greenwald schaltete sich in die Diskussion ein:

„I think the dichotomy is false – ,activist‘ or ,journalist‘ – & those who make it are applying standards they don‘t/can‘t meet“

Greenwald macht keinen Unterschied: Die Zweiteilung sei falsch, wer zwischen Journalisten und Aktivisten unterscheide, könne die angesetzten Standards selbst nicht erfüllen. Ein Journalist ist nach Greenberg immer auch Aktivist.

Laut Duden-Fremdwörterbuch (4. Auflage) ist ein Aktivist ein „zielbewußt u. zielstrebig Handelnder“, mithin jemand, der aus der Passivität des Beobachters heraustritt und andere aktiv von einer Haltung überzeugen will. Zunächst einmal will dies nicht zur „klassischen“ Rollenbeschreibung des Journalisten als kritischem, unparteiischem Beobachter und Faktenprüfer passen.

Auch das mittlerweile arg strapazierte Zitat des früheren Tagesthemen-Moderators Hans-Joachim Friedrich fällt einem schnell zum „Fall Greenwald“ ein:

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“

Argumentativ derart ausgestattet, ließe sich nun einfach sagen: Nein, ein Journalist kann und darf kein Aktivist sein. Nur: So einfach ist es nicht. Zunächst einmal handelt ein Journalist kaum unabhängig von seiner eigenen Biographie und einem eigenen Wertesystem. Greenwald etwa ist Jurist. Als Prozessanwalt hat er sich offenbar vor allem mit Fällen beschäftigt, die insbesondere die Bürgerrechte in den USA berührten.

Mit dem Eintreten für Bürgerrechte ist Greenwalds Arbeit nun zweifelsohne weiterhin eng verbunden geblieben – nicht nur in seinen Texten, sondern auch als Keynote-Speaker auf Veranstaltungen wie der des Chaos Computer Clubs in Hamburg, oder auch als Gast in TV-Sendungen.

Natürlich: Insofern verlässt er dabei die dem „klassischen“ Journalisten verordnete passive Rolle des Beobachters. Er forciert eine Thematik, mit der er sich selbst professionell beschäftigt. Dabei macht er aber keinen Wahlkampf für eine Partei, er betreibt auch keine Lobbyarbeit für einen Verband. Greenwald setzt sich für eine übergeordnete Sache ein; er beweist Haltung, indem er für die wertvollsten gesellschaftlichen Güter, die Bürgerrechte, eintritt und ihre Verletzung anprangert.

Wichtig ist dabei auch: Greenwalds Haltung speist sich nicht aus Vorurteilen und blinder Agitationswut; seine Haltung basiert auch auf einer originären journalistischen Qualitätsanforderung: Recherche. Unsauber wäre es gewesen, wenn er die Snowden-Dokumente einfach ungeprüft publiziert, Positionen übernommen und diese vielleicht sogar manipulativ in der Öffentlichkeit vertreten hätte. So aber hat er auf einem soliden journalistischen Fundament eine Haltung entwickelt, die er vertritt. Dass er dies auch vor einem Publikum tut, dass seine Haltung teilt, kann man ihm – wie Zeit Online es macht – nicht vorwerfen.

In Deutschland beweisen Journalisten für meine Begriffe leider viel zu selten Haltung nach Greenwald‘schem Vorbild. Dass sie dies in der Mehrzahl auch gar nicht wollen, lässt sich anhand ihres Selbstverständnis ableiten: Das Rollenbild vom politisch ambitionierten Journalisten war zuletzt auf dem Rückzug. Der Studie „Journalismus in Deutschland 2005“ zufolge ist der Anteil jener, die Kritik an Missständen üben wollen, von 63 Prozent (1993) auf 57,3 Prozent (2005) gesunken. Die meisten wollen möglichst neutral und präzise informieren: 1993 waren es 74 Prozent, 2005 stolze 88,6 Prozent.

Das Rollenselbstverständnis des „neutralen“ Informationsübermittlers mag ich niemandem vorwerfen, schon gar nicht den Anspruch, präzise zu sein. Nur: „Neutral“ kann Journalismus nicht sein – siehe biographischer Hintergrund, siehe Wertesystem. Journalismus funktioniert vielmehr nach professionellen, an Objektivität orientierten Handwerksregeln. Doch allein über Nachrichtenselektion, Themengewichtung, Quellenarbeit, Kommentierung, drückt sich Subjektivität aus.

Mit der eigenen Subjektivität bewusst umzugehen, das hat vor ein paar Jahren der langjährige und inzwischen verstorbene Spiegel-Journalist Jürgen Leinemann gefordert. Er schreibt in seinem Buch „Das Leben ist der Ernstfall“:

„Wer sich als Journalist den aufrechten Gang erhalten will, (…) der braucht ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst und seinem Beruf, einen bewussten Umgang mit der eigenen Subjektivität (…) Für jeden Journalisten sollte es selbstauferlegte Pflicht sein, sich durch reflektierte Erinnerung eine Haltung zu erwerben, eine für ihn ganz persönlich charakteristische, bewegliche Beharrlichkeit im Umgang mit dem Leben. In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Wie er auf Ereignisse und auf Menschen reagiert, wie er sich zur Macht und gegenüber Mächtigen verhält, das ist nicht nur individuell relevant, sondern das hat auch politische Folgen.“

Ein Journalist darf dann Aktivist sein, wenn dies bedeutet, dass er sich selbst und seine Arbeit hinterfragen kann, seine Haltung zu sich selbst und zu übergeordneten gesellschaftlichen Werten kritisch reflektiert, transparent macht sowie zentrale journalistische Qualitätsanforderungen wie eine saubere Recherche erfüllt.

 

Literatur:

Leinemann, J. (2009): Das Leben ist der Ernstfall. Hoffmann und Campe.

Weischenberg, S.; Malik, M.; Scholl, A. (2006): Journalismus in Deutschland 2005. In: Media Perspektiven, 7/2006. S. 346-361.